Schottland, Tage 7-9: Oban, Tobermory und St. Kilda

von Oban nach St. Kilda
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Tag 7: Reise nach Oban und Tobermory

Früh um sieben ging es los, bei Regen in zweieinhalb Stunden bis nach Fort William, um das Auto zurückzugeben. Dann mit einem Linienbus nach Oban, einem quirligen Hafenstädtchen, das uns auch mit Regengüssen begrüßte. Wir hatten noch ein paar Stunden bis zur Abfahrt, konnten aber schon mal unser Gepäck aufs Schiff geben und aßen in einem Pub/Restaurant Fish and Chips. Um halb vier ging es dann endgültig an Bord. Mit uns waren noch 9 andere Gäste an Bord sowie unser Skipper, seine Lebensgefährtin, eine Schiffsköchin und ein Maat. Ich hätte mehr Mittvierziger-Outdoor-Menschen vermutet, aber wir waren nicht nur die einzigen Ausländer, sondern auch die jüngsten Passagiere; die anderen eher zwischen 60 und Anfang 70, so ziemlich alle aus dem Süden Englands: Ein Ehepaar, eine allein reisende Frau, zwei allein reisende ältere Herren und vier Brüder – was rührend war; drei von ihnen hatten dem vierten die Reise zum Geburtstag geschenkt, nachdem seine Frau vor ein paar Monaten gestorben war.

Die Hjalmar Bjørge ist ein in den 60ern gebautes, voll hochseetaugliches ehemaliges Schiff der norwegischen Küstenrettung, was modernisiert und für den Passagierbetrieb ausgebaut wurde. Es wirkt mit seinen gut 20 Metern Länge ziemlich klein und die Kabinen unter Deck waren größtenteils wirklich winzig, aber letzten Endes kam man doch erstaunlich schnell und gut zurecht. Es mag am Wasserspargebot gelegen haben, aber die drei WCs, davon zwei kombiniert mit Duschen reichten für die insgesamt 15 Leute an Bord absolut aus. Nur ein einziges Mal fand ich eine Toilette besetzt, und das war ausgerechnet mitten in der Nacht.

Nach ein paar Sicherheits- und Verhaltenshinweisen an Bord ging es los, durch den Sound of Mull bis nach Tobermory. Wir ankerten in der Hafenbucht ohne an Land zu gehen und bekamen unser erstes Dinner: drei Gänge plus Käseplatte/Cracker und Kaffee, so wie an jedem weiteren Abend. Draußen regnete es, das Schiff schaukelte sanft und drehte sich dabei, so dass die Aussicht auf die hübsche Hafenzeile, die Kormorane und die anderen Boote sich dauernd veränderte, ein bisschen wie in einem sich drehenden Fernsehturmrestaurant. Wir gingen auch nicht mehr an Land, sondern verbrachten den Abend und eine wunderbar ruhige, leicht schaukelnde Nacht an Bord.

Tag 8: nach St. Kilda

Tim, unser Skipper, hatte am Abend schon angekündigt, dass die Wetterlage in den nächsten Tagen so günstig sei, dass er so schnell wie möglich Richtung St. Kilda wollte, mit nächtlicher Zwischenstation an den Monach Islands, d.h. er würde schon früh morgens um fünf die Motoren anwerfen. Die kleine Inselgruppe St. Kilda liegt noch einmal gut 60 Kilometer westlich der äußeren Hebriden mitten im Nordatlantik, und eine Passage dorthin wird wegen der häufigen Stürme nicht garantiert, deswegen sollte die Gelegenheit genutzt werden. Das Wetter war grau und windig, und kurz nach Verlassen des Sound of Mull wurde das Schiff in der Hebridischen See ganz schön durchgeschüttelt, so dass ich tatsächlich erst einmal seekrank wurde. Reihern musste ich gottseidank nicht, aber mir war übel und ich bekam kalte Schweißausbrüche, so dass ich mich erst einmal wieder in die Koje zurückzog. Liegen und schlafen gingen erstaunlich gut, so dass ich später am Vormittag einigermaßen wieder fit war und Seekrankheit für den Rest der Reise auch nicht mehr wiederkehren sollte. (Die Möwe hat dagegen noch den Rest des Tages gebraucht.)

Im Sound von Barra plötzlich ertönte der Ruf „Dolphins!“ und alle liefen an Deck. Eine Schule Großer Tümmler hatte unser Schiff entdeckt und sich genähert; offenbar lieben sie es – im Gegensatz zu anderen, eher schüchternen Arten – sich in die Bugwelle zu begeben und ein paar Minuten lang enthusiastisch mitzuschwimmen und zu -springen. Wie großartig.

 

 

Die Fahrt schien ansonsten endlos, zwischendurch gab es auch Mittagessen, und erst irgendwann am Nachmittag erreichten wir vorbei an Süd- und Nord Uist die Monach Islands.

Es sollte eine Wet Landing geben, so standen wir schon alle mit Schwimmweste und hochgekrempelten Hosen bereit, um bald ins Schlauchboot zu steigen. Tim und Craig, der Maat, versuchten daraufhin bestimmt eine Dreiviertelstunde lang, an sieben unterschiedlichen Stellen in der Bucht vor der Insel zu ankern, aber erfolglos; der Anker schlug nur auf Felsen. Offenbar hatte die See im vergangenen Winterhalbjahr allen Sand aus der Bucht geschwemmt. Die Fahrt hatte uns alle geschafft, und eigentlich sollten wir ein wenig auf den flachen Dünen spazieren, die große Kegelrobbenkolonie am Strand besuchen und dann die Nacht in der Bucht verbringen. Sichtlich betrübt teilte uns Tim mit, dass das nun alles hinfällig war, es bliebe die Alternative, gleich bis Kilda durchzufahren.

So ging es – bei inzwischen deutlich stiller gewordener See – noch einmal weitere fünf Stunden gen Westen, bis wir schließlich im Abendlicht St. Kilda erreichten und in der großen Bucht der Hauptinsel Hirta ankern konnten, wo hunderte Papageientaucher und andere Vögel auf dem ruhigen Wasser saßen. Well done!, sagte Tim scherzhaft zu uns, als er vom Ruderhaus runter kam, und tatsächlich waren wir auch als Passagiere froh, die 15 Stunden Fahrt gemeistert zu haben.

Tag 9: St. Kilda

Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Schlauchboot zum Pier, um – ausgerüstet mit Lunchpaketen – den ganzen Tag auf der Insel verbringen zu können. St. Kilda ist gleichzeitig Natur- und Kulturerbe der Unesco und hat eine bewegende Geschichte. Auf Schritt und Tritt ist es nach wie vor kaum vorstellbar, wie auf diesem abgeschiedenen Stückchen Felsen im Atlantik seit dem Altertum dauerhaft Menschen leben konnten, die sich im Wesentlichen von den abertausenden von Seevögeln ernährten. 1930, nachdem Krankheiten und Kindersterblichkeit unerträglich geworden waren und den Bewohnern durch den mittlerweile dauerhaften Kontakt mit Touristen und anderen Menschen die Schwere ihrer Lebensbedingungen vor Augen stand, hatten die letzten Einwohner die Insel verlassen. Heute leben dort nurmehr ein paar Militärangehörige, die eine Radarstation betreiben, und eine Reihe von Freiwilligen, die vor allem im Sommer den Ort in Schuss halten und die Tagestouristen betreuen. Zudem waren gerade ein paar Wissenschaftler_innen auf der Insel, die mit großen Spektiven und Tablets die Soayschafe zählten (hier einen Witz über ständiges Einschlafen einfügen), die eine ganz eigene, sehr robuste Rasse St. Kildas sind und dort tatsächlich wild und ohne „Bewirtschaftung“ durch Menschen leben.

Wir stiegen zu den mehrere hundert Meter ins Meer abfallenden Felskanten, genossen die Sonne, ich provozierte einen Skua-Angriff (die Schmarotzerraubmöwen hatten noch Junge und waren entsprechend biestig drauf, aber wenn man den Angriff rechtzeitig merkt, kann man ihn durch einen hochgehaltenen Stock oder in meinem Fall hochgerissene Kamera + Objektiv abwehren :) und wir warfen einen Blick ins Schul- und Kirchengebäude, das nurmehr Museumscharakter hat. Ein beeindruckender Ort.

2 Gedanken zu „Schottland, Tage 7-9: Oban, Tobermory und St. Kilda

  1. Liisa

    Traumhaft! Danke für die Reiseberichte hier und die vielen schönen Fotos. Von so einer Reise zehrt Ihr sicher noch lange! Das sind Eindrücke, die bleiben!

    Antworten
    1. giardino Beitragsautor

      Ja, die Reise werde ich sicher nicht vergessen. Und auch eine Woche später ist mein Kopf immer noch ein bisschen dort…

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