Freitagstexter – der Pokal

Der Wettbewerb ist geschlossen, und wir kommen zur Auszeichnung. Ta-daa!

Ich mochte alle drei Einsendungen, aber den der Oecherin fand ich am phantasievollsten, mit seinem Framing als Computerspiel (die Maus wirkte wirklich, als würde sie eine Quest lösen), und der niedlichen Fledermaus-Assoziation:

„Level geschafft! Hoffentlich gibt es am Ende des nächsten endlich
diese Flügel-Dinger, damit ich hier heil wieder runterkomme.“

Glückwunsch! Ich danke auch den Teilnehmern wvs und Christoph und freue mich auf die nächste Runde am Freitag bei der Oecherin!

Freitagstexter

Ich habe mal nachgesehen, es ist tatsächlich knapp 9 Jahre her, dass ich zum letzten Mal am Freitagstexter teilgenommen habe. Neulich festgestellt: Es gibt ihn immer noch! Da sag noch mal einer, Blogs seien tot. (Na gut, mein eigenes, äh, schläft halt viel.)

Die Regeln:

  • Hast du ein eigenes Blog? Dann kannst du mitmachen.
  • Einfach eine Bildunterschrift für das unten gezeigte Foto in einen Kommentar schreiben – Länge, Stil und Sprache sind egal.
  • Einsendeschluss ist nächsten Dienstag Mitternacht.
  • Ich wähle eine/n Gewinner_in, die/den ich am Mittwoch bekannt gebe.
  • Die/der macht am kommenden Freitag mit einem neuen zu betextenden Bild auf dem eigenen Blog weiter.

(Ich selbst habe übrigens diese Woche den Pokal beim boomerang gewonnen.)

Hier kommt das Foto. Caption, please!

16.10. – Wahlhelfer, Arbeit, Dota

Durch Fr. Kaltmamsell und später Fr. Gröner auf die Idee gebracht, meldete ich mich bei der Stadt im Sommer 2017 ebenfalls als Wahlhelfer für die damals anstehende Bundestagswahl, bekam aber auf meine Bewerbung nie eine Antwort. Bis vor knapp drei Monaten, als mich die Stadt anschrieb, ob ich für die bayerische Landtags- und Bezirkstagswahl am 14. Oktober zur Verfügung stünde. Ich sagte zu, als Beisitzer für die Nachmittagsschicht in einem Wahllokal in meinem Stadtviertel. Auf normale Angestellte schien man im Wahlamt eher nicht eingestellt zu sein, jedenfalls war die Einführungsveranstaltung in der Stadthalle neulich an einem Donnerstag um halb drei zeitlich eher schwierig. Aber gut, immerhin hatte die große Nachbarstadt einen Foliensatz im Netz, der Abläufe und Auszählungsregeln sehr gut erklärte. (So gut, dass ich am Sonntagabend neben dem Wahlvorstand der Einzige von den neun Helfern war, der z. B. wusste, dass mehrfache Zweitstimmen unter Umständen gültig waren und wie sie gezählt würden.)

Der Morgen begann mit Lektorendienst um halb elf in der Kirche, danach frühstückten die Möwe und ich ausgiebig im Bäckereicafé eine Ecke weiter, schließlich würde ich für den Rest des Tages nurmehr mitgebrachtes Studentenfutter bekommen. Gegen zwanzig vor Eins stand ich im Wahllokal der ebenfalls benachbarten Grundschule. Als Neuling bekam ich einen der beiden einfachen Jobs: am Eingang zum Klassenzimmer die mitgebrachte Wahlbenachrichtigung checken („Ah ja, hier sind Sie richtig. Nein danke, Personalausweis brauche ich nicht.“) und die vier Wahlzettel aushändigen. Beziehungsweise wenn jemand ohne Benachrichtigung kam, ihn/sie an den Tisch mit dem Wählerverzeichnis zu verweisen. Der andere einfache Job ist übrigens, die Urnen zu überwachen und nur nach erfolgreichem Wählerverzeichnis-Check am Nachbartisch zuzulassen, dass die zwei blauen (Bezirkstag) und weißen (Landtag) Zettel eingeworfen werden.

Der Sonntagnachmittag war schön, draußen auf dem Schulhof leuchteten die Bäume in allen Farben, die Fürther Kirchweih einen Kilometer entfernt hatte ihren letzten Tag, und so wurde es nach einem größeren Andrang zwischen ein und zwei Uhr, wo tatsächlich Leute Schlange standen, am Nachmittag sehr gemächlich. Der Rest des Teams schien sich seit langem als solches zu kennen, also immer wieder zusammen eingesetzt zu werden. Ich war vermutlich der Jüngste, ein Ehepaar knapp drüber, der Rest der Leute eher Ende 50 und in den 60ern, und man duzte sich. Interessant fand ich, dass zwei der Wahlhelfer mit deutlichem Akzent sprachen (einmal italienisch, einmal osteuropäisch), der sie als eingebürgert verriet. So wie überhaupt auch viele der Wählenden türkische oder osteuropäische Namen hatten – einfach ein schön buntes Viertel. Besonders in Erinnerung ist mir eine Frau, schätzungsweise Ende 20 mit arabischem Namen, begleitet von ihrem nicht wählenden Vater, die so frisch eingebürgert war, dass man ihren Eintrag im Wählerverzeichnis erst nach einer Weile fand. Wie aufgeregt und stolz sie war, ihre Stimme abzugeben!

Nach Wahlende um 18 Uhr begann dann eine vierstündige Papierorgie ohne Pause, in der die zusammen anderthalb Tausend kleinen und großen Zettel entfaltet, gecheckt, sortiert, gestapelt, gezählt und wieder gestapelt wurden, ein nicht enden wollender Lärm aus Papierknistern und -flattern, vor sich hin gemurmelten Zahlen und vereinzelten Rufen („Hat schon jemand die V³-Partei?“, „Wo sind denn die Freien Wähler, die lagen doch eben noch hier?“). Es war anstrengend, aber auch schön, als schließlich alle Zählungen passten, also die Zahl der abgehakten Wähler im Verzeichnis übereinstimmte mit der Strichliste neben der Urne mit der Zahl der Stimmzettel mit der Zahl der ermittelten Kandidatenstimmen. Wobei es durchaus einen Moment gab, in dem ich mich ganz undemokratisch darüber freute, dass die Wahlbeteiligung in unserem Wahllokal nur bei 40% lag. Inzwischen weiß ich, dass unser „Dienstschluss“ um kurz vor zehn Uhr auch durchaus nicht spät war, wenn man so hört, wie es in München lief. Wobei ich allerdings auch nicht nachvollziehen kann, warum man das enorm aufwändige Zweitstimmenverfahren unbedingt auch beim Bezirkstag braucht, einem offiziell nur 24 Abgeordnete starken Gremium (diesmal wurden es wegen Überhangmandaten 33) mit sehr klar umrissenen Aufgaben hauptsächlich im Bereich Bildung, Kultur und Soziales.

Aber insgesamt war es spannend und hat Spaß gemacht. Ich mag diese langweilige, deutsche Demokratie mit ihren unspektakulären Wahlen, in Klassenzimmern unserer Schulen, die ja auch gleich schon mal einen wichtigen Ort unseres Gemeinwesens darstellen, für den wir Steuern zahlen und auf den unsere Entscheidungen Auswirkungen haben. Und mitzuerleben, mit welchen einfachen Mitteln sichergestellt wird, dass Wahlmanipulationen größeren Stils praktisch nicht möglich sind, finde ich ausgesprochen beruhigend. Weswegen ich auch entschieden gegen zentralisierte, rein elektronische Systeme bin.

Ich hoffe, zu den Europawahlen nächsten Mai werde ich wieder rekrutiert.

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Auf dem Heimweg mit dem Fahrrad begann zufällig gerade, als ich die große Wiese mit der freien Sicht aufs Zentrum passierte, das Abschlussfeuerwerk der Fürther Kärwa. So konnte ich zum ersten Mal quasi auf einem fernen Logenplatz und in voller Länge alles anschauen, wovon ich in den vergangenen Jahren immer nur das Geknatter mitbekommen hatte. Wusstet ihr, dass es inzwischen Raketen gibt, die Smilies und Herzen an den Himmel werfen?

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Das Projekt, für das ich im Büro jetzt zwei Monate lang verstärkt reingekloppt habe, hat gestern Abend mit einer Präsentation vorm unlängst ausgewechselten Management seinen wichtigsten Meilenstein passiert. Die neuen Chefs waren ausgesprochen angenehm, ihre kritischen Nachfragen absolut in Ordnung, wir bekamen unsere Unterschriften, und schließlich gab es große Gratulation von allen Seiten. Und nicht zu vergessen, wir haben ein klasse Produkt gemacht, das jetzt Zug um Zug intern und extern gelauncht wird. Darin steckt noch jede Menge weitere Arbeit, aber das wichtigste Etappenziel ist genommen. Allerdings war ich nach dem Vortrag so vollkommen groggy und hinüber, dass ich mir für heute einen freien Tag genommen habe, was mir sehr gut getan hat. Abgesehen davon wäre mein Hirn im Büro heute ohnehin nicht produktiv gewesen.

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Irgendwann vor Jahren hatte ich im Netz schon mal Dota Kehr entdeckt, vermutlich auf tvnoir oder in den Küchensessions, dann aber wieder aus den Augen verloren. Nun hat sie vergangenen Monat ein neues Album („Die Freiheit“) rausgebracht, und es ist großartig. Gute Texte zwischen Liebesliedern und Gesellschaftskritik, von unbeschwert bis hintergründig-böse, von Milliardären, die den Planeten verlassen, unverbindlichen Liebschaften, Sexismus, Zuversicht vermittelnden Schwangeren im Baumarkt, Überwachungsstaat, … Klare Stimme, ungewohnt schöne, ohrwurmige Melodien und knackige Arrangements – so viel Freude an einer neuen Entdeckung hatte ich schon lange nicht mehr. Große Empfehlung!

Anspieltipps:

21.09. – Medizinversagen, USA-Reisen und der Blick ins Universum

Ich fürchte, es wird heute etwas monothematisch. Aber man sucht sich die Themen nicht aus.

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„Rebecca continues to be paranoid“ – was eine Ärztin halt so notiert, als eine ehemalige Krebspatientin sie aufsucht, besorgt wegen Schwellungen an den Beinen. Sie wird beschwichtigt, nicht weiter untersucht, und vier Wochen später, als die Schmerzen nicht mehr auszuhalten sind, stellt man schließlich fest, dass sie Metastasen im ganzen Körper hat. Dabei wurde schon der ursprüngliche Gebärmutterhalskrebs, den sie überlebt hatte, viel zu lange nicht erkannt, sondern für eine Infektion gehalten.

I am here now as a poor substitute to share her message: You know your body. You know when something is wrong. Trust yourself. We are all afraid of falling through the cracks. And we ought to be, because it happens.

Ihre Schwester hat die traurige und zornig machende Geschichte aufgeschrieben.

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Dass Ärzt*innen Patient*innen nicht immer ernst nehmen, hat sicher auch mit Ausbildungen zu tun, in denen Patientengespräche und Sozialwissenschaften nicht so wichtige Lehrinhalte sind, und mit einem primär auf reibungslose Abläufe und Finanzen optimierten Medizinbetrieb. Aber wie in vielen Dingen wirken hier noch zusätzlich die gesellschaftlichen Gefälle. Frauen wird weniger geglaubt als Männern, ihre Schmerzen und Symptome werden als weniger relevant eingeschätzt, und ihre Krankheitsbilder zudem schlechter erforscht und verstanden:

Der Grund, warum wir weibliche Herzinfarktsymptome wie Übelkeit, Müdigkeit oder Schulterschmerzen als »atypisch« bezeichnen, meint Dusenbery, liege eben daran, dass die Mediziner die »typischen« Symptome am Prototyp Mann lernen. Bei Frauen tendieren Ärzte nachweislich eher dazu, psychologische Ursachen zu vermuten: Stress, Überlastung, Angst. »Beruhigen Sie sich mal wieder«, ist ein Satz, den Frauen häufiger hören.

In die gleiche Kerbe schlägt dieser etwas frühere Artikel: Medicine Has a Sexism Problem, And It’s Making Sick Women Sicker.

Vor einigen Wochen gab es eine Menge von Tweets – leider ohne verbindenden Hashtag, so weit ich mich erinnere – in denen viele Frauen hanebüchene Geschichten von verkannten Diagnosen, jahrelangem Leiden oder lebensgefährlichen Notfällen und von Ärzten abgebügelten Bedenken oder Nachfragen erzählten. Erschreckend.

Gut Immerhin, dass das Thema mittlerweile in der öffentlichen Wahrnehmung anzukommen scheint.

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Besonders frustrierende, teils erniedrigende und zuweilen verantwortungslose Behandlung im Medizinbetrieb erfahren Dicke. Dieser lange, lesenswerte Artikel befasst sich mit dem Versagen der Medizin und Mediziner*innen, seit Jahrzehnten aufgehäufte wissenschaftliche Erkenntnisse über die Nutzlosigkeit von Abnehmdiäten und die Unabhängigkeit von Gewicht und Gesundheit umzusetzen. Und mit strukturellen Faktoren: wie z. B. Versicherungen und Politik Dicke auch ihrerseits krank machen, zusätzlich zum ohnehin schon täglichen Bullying durch Mitmenschen. Krank im Wortsinn, denn zum Einen scheuen viele den Gang in die Arztpraxis oder das Krankenhaus, weil sie zu Recht befürchten müssen, anstatt ernst genommen zu werden wieder nur zu hören, dass alle Probleme mit ihrem Gewicht zu tun haben und sie sich nur mal zusammenreißen müssten. Krank auch zum Anderen, weil Diskriminierung von Dicken sozusagen amtlich abgesegnet ist, und permanente Ablehnung psychischen Stress und Leid erzeugt.

“It borders on medical malpractice,” says Andrew (not his real name), a consultant and musician who has been large his whole life. A few years ago, on a routine visit, Andrew’s doctor weighed him, announced that he was “dangerously overweight” and told him to diet and exercise, offering no further specifics. Should he go on a low-fat diet? Low-carb? Become a vegetarian? Should he do Crossfit? Yoga? Should he buy a fucking ThighMaster?

“She didn’t even ask me what I was already doing for exercise,” he says. “At the time, I was training for serious winter mountaineering trips, hiking every weekend and going to the gym four times a week. Instead of a conversation, I got a sound bite. It felt like shaming me was the entire purpose.”

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Ob Frauen, Dicke, Schwarze, Intersexuelle, Arme, Behinderte – als Patienten werden viele Bevölkerungsgruppen im Schnitt schlechter versorgt als wir bürgerlichen, normgewichtigen, weißen, nichtbehinderten Cis-Männer. Was ja nicht zufällig der vorherrschenden Demographie der Ärzteschaft entspricht. Diversität ist vielleicht kein Allheilmittel, aber es ist verdammt noch mal Zeit, den Beruf weit zu öffnen.

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Auf unserer Bucketlist für große Sehnsuchtsreisen steht neben Zielen wie „Kanada“ und „Neuseeland!!1!“ immer noch „USA“, was aber erst einmal auf Wiedervorlage in ein paar Jahren gesetzt wurde, aus Gründen. Dabei scheinen interessanterweise viele Touristen weniger Probleme mit der Willkommenskultur in den Vereinigsten Staaten zu haben als ich oder meine private Filterbubble. Zwar hat sich wohl die Länderzusammensetzung verschoben, aber tatsächlich sind laut amtlichen Statistiken die Besucherzahlen insgesamt gewachsen.

Jedenfalls ist Muserine derzeit im Südwesten der USA unterwegs und ihre Bilder auf Instagram erinnern mich daran, dass ich schon irgendwann noch selbst im Monument Valley stehen oder einen Sonnenaufgang im Antelope Canyon erleben möchte.

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Mein nächster Trip in die Staaten steht nichtsdestoweniger fest: Ende November für eine Woche nach Chicago. Allerdings wie immer rein beruflich. Für Späße ist die Stadt Ende November ohnehin zu kalt und windig.

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Ein Text, den die wunderbare Katie Mack, twitternde Astrophysikerin, gestern Nacht angesichts des Sternenhimmels geschrieben hat:  Disorientation: A Twitter Poem.

I want you to taste the iron in your blood and see its likeness in the rust-red sands on the long dry dunes of Mars, born of the same nebular dust that coalesced random flotsam of stellar debris into rocks, oceans, your own beating heart

Auf dass uns der Blick ins Universum schwindlig machen möge.  (Tolles Foto auch.)