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Schottland, Tage 14-16 und Schluss

von Barra nach Oban, über Canna und Tobermory/Mull
Original by Kelisi, edited, GNU free documentation license 1.2 and CC BY-SA 3.0

Tag 14: von Barra nach Canna

Bei schönem Wetter ging es nach dem Frühstück über die hebridische See in Richtung der Small Isles (Canna, Rum, Eigg und Muck), und die in den vergangenen Tagen oft am Horizont zu sehenden Umrisse Skyes rückten wieder ganz nah, besonders wo wir uns jetzt südöstlich näherten, wo die Cuillins hoch hinausragen. Schon von weitem konnte man eine sehr isländisch anmutende Insel erkennen mit vergleichsweise niedrigem Tafelberg und Basaltsäulen. Im Wasser rundherum flogen und schwammen viele Atlantiksturmtaucher, die ich zuvor noch nirgends bewusst wahrgenommen hatte. Auf den Fotos wirkt ihr Gefieder wie Samt.

Canna inklusive ihrer gezeitenweise getrennten Schwesterinsel Sanday hat keine zwei Dutzend Einwohner, ein Café, drei Kirchen, einen Selbstbedienungsladen (honesty shop) und nur eine kurze Straße, die man auf Sanday auch nicht einmal als solche bezeichnen kann – eine bei Flut überspülte Schotterstrecke. Nur ein paar Mal die Woche geht eine Rundfähre nach Rum, Eigg, Muck und Mallaig. Wir liefen um die Bucht herum und über die kleine Brücke nach Sanday, immer die Kirche auf dem Hügel im Blick mit den großartigen Bergen der Nachbarinsel Rum dahinter. Hier war die Zeit irgendwie verlangsamt. Es gab nicht wenig friedliche Orte auf der Reise, aber das war der idyllischste von allen.

(Auch der Wikipedia-Eintrag zu Canna mit seinen Details über Inselleben und z. B. die bekämpfte Rattenplage ist lesenswert.)

Tag 15: von Canna nach Tobermory

Der Tag begann windig und die erste Passage nach Süden zwischen Sanday und Rum kamen uns ziemliche Wellen entgegen, so dass wir zum ersten Mal sicher sein konnten, dass unsere Seefestigkeit gegeben und nicht bloß den fast durchgehend ruhigen Gewässern seit St. Kilda geschuldet war. Rum wirkte im Vorbeifahren wild und schroff mit seinen bis auf 800 Meter hohen Bergen und seiner Quasi-Unbewohntheit. Man kann dort aber wohl übernachten (beziehungsweise: muss, weil nur wenige Fähren in der Woche fahren), und ich stelle mir vor, dass es ein wunderbarer Ort für einen abgeschiedenen Urlaub mit Wildnis ist. Nach den üblichen 4-5 Stunden Fahrt erreichten wir den Sound of Mull, wo sich die Wellen sofort legten, und schipperten gen Tobermory, unserem Tagesziel. EIne Meile vorher wurde das Schiff langsam; ich dachte, weil wir bald den Hafen erreichen, doch dann sah ich, dass alle an der rechten Reling standen und an Land schauten: Ein Seeadler und ein Jungvogel saßen am Ufer und flogen etwas hin und her.

Schon die ganze Fahrt über hieß es über jeden Ort, es gebe dort auch Seeadler und Steinadler (für den die Engländer den viel schöneren Namen golden eagle haben), vor allem die vogelverrückten, mit Ferngläsern und Bestimmungsbüchern bewaffneten Brüder waren auf ständiger Ausschau, und jeder kurz über einen entfernten Hügel kreisende Greifvogel wurde aufgeregt diskutiert. Nur aus der Nähe hatten wir keinen gesehen. Aber hier saß er nun, vielleicht nur 40-50 Meter entfernt, am letzten Abend unserer Reise. Majestätisch und von Natur aus grimmig blickend betrachtete er eine Weile das Ufer, schwang sich in die Luft um mit wenigen Schlägen seiner großen Flügel zum nächsten Aussichtspunkt zu fliegen. Wundervoll.

In Tobermory konnten wir an Land gehen, doch es schüttete und war kalt, so dass wir nach einmal hübsches Hafensträßchen hin und zurück wieder an Bord gingen, etwas Heißes tranken und ich eine lange und gute Unterhaltung mit Paul hatte, einem vermutlich Anfang-70jährigen Hornisten, der nach vielen Jahren als Ingenieur in seine Berufung, die Orchestermusik zurückgekehrt war. Das Dinner war gut, aber leider kein Höhepunkt wie wir erwartet hatten – die Webseiten suggerieren, es gebe auch mal so richtig Meeresfrüchte, aber das war auf unserer Fahrt nicht der Fall, obwohl die Hummer- und Krabbenkutter teilweise direkt neben uns in den Häfen festmachten, Skipper Tim kam wie jeden Abend zu Käse und Rotwein dazu, wir bedankten uns bei der Crew und redeten ein wenig darüber, was uns in der Woche unterwegs besonders gefallen hatte. Für mich waren das ganz klar St. Kilda mit seinen Vogelfelsen und Canna.

Tage 16-17: zurück nach Hause über Oban und Glasgow

Früh wurde der Motor angeworfen und es ging die letzten drei Stunden durch den Sound of Mull zurück nach Oban, begleitet von abwechselnden Schauern und Sonnenflecken.

Der Rest unserer Rückreise war nicht sehr berichtenswert – vielleicht abgesehen von der Zugfahrt durch die Highlands von Oban nach Glasgow, die als eigenes touristisches Event durchgehen können. Für Glasgow hatten wir nichts vorbereitet; da die Gepäckaufbewahrung sehr teuer war und wir kein echtes Ziel hatten, liefen wir halt einmal mit unseren Handgepäck-Rollkoffern die Buchanan Street und George Square ab. Aber wenn man sich nicht auskennt, hat es auch wenig Zweck, so fuhren wir mit einem Standard-Linienbus zum gebuchten Hotel, das sich zwar „Airport Hotel“ nannte, aber anderthalb Meilen entfernt in einem nur mittel-heimeligen Viertel von Paisley lag. Immerhin gab es einen guten Fish-and-Chips-Imbiss um die Ecke.

Die Nacht war eher anstrengend (ein Hotelzimmer direkt neben dem Hauseingang, d.h. Türklingel, Telefon, Rezeptionsgespräche, Türdonnern…), es ging schon früh um sieben mit dem Taxi zum Terminal, und da sich der Flug um eine Stunde verspätete, verpassten wir auch in Amsterdam den Anschluss und waren schließlich erst gegen sechs Uhr abends statt um zwei wieder zurück. Die Möwe hatte noch ein paar Tage Urlaub, aber da ich im Zuge des Gesundheitstrainings mein Jahreskontingent so weit aufgebraucht hatte, dass es nur noch für Weihnachten reicht, musste ich direkt am Mittwochmorgen schon wieder ins Büro.

Seitdem bin ich immer noch mit einem Bein und halbem Kopf in Schottland (wogegen das Foto-Sortieren und die Blogeinträge natürlich wenig geholfen haben) und kann es kaum erwarten, irgendwann wieder dorthin zu kommen.

[Northern Light Cruising, verschiedene mehrtägige Schiffsreisen rund um die Hebriden von Oban aus, jährlich zwischen April und September. Keine Hochglanz-Kreuzfahrten, sondern Touren mit verantwortungsvollen Leuten, die das aus Leidenschaft machen. Für uns war es genau das Richtige. Für diese Werbung bekomme ich übrigens nichts.]

Schottland, Tage 11-13: South Harris, North Uist, Eriskay, Mingulay und Barra

von Scarp nach Barra, über Leverburgh, Rodel, Loch Euphoirt, Eriskay und Mingulay
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Über Leverburgh und Rodel nach Loch Euphoirt

Am nächsten Tag mussten wir zunächst einmal Frischwasser für Duschen und Toiletten auffüllen fahren, weil die Meerwasser-Aufbereitungsanlage an Bord wohl irgendwie kaputt war. Dazu fuhren wir nach Leverburgh, einem kleinen, eher uninteressanten kleinen Hafen von South Harris. Während das Schiff Wasser tankte, hatten wir zwei Stunden frei, die wir dazu nutzten, im Sonnenschein eine etwas längere Runde in den Ort zu spazieren, der eine Meile vom Hafen entfernt lag. Im Supermarkt kauften wir etwas Schokolade und ein Eis (interessant: es gab z. B. Cornetto Mint und Magnum Peanut Butter – hier auch eher unbekannt) und sahen auf dem Rückweg sogar einen Seeadler weit oben, vor dem eine aufgeregte Möwe laut warnte. Weiter ging es mit dem Schiff nach Rodel, wo eine der ältesten und bedeutendsten Kirchen der Hebriden steht, die St. Clements Church. Nach diesem Landgang schließlich schipperten wir am Sound of Harris vorbei südlich bis nach Loch Euphoirt, einem der vielen vom Meer gespeisten Seen auf North Uist. Das Wetter war inzwischen kühl, windig und sehr dunkelgrau geworden, so dass der menschenverlassene Loch mit seinen großen Fischzuchtkäfigen, in dem massig Lachse herumpeitschten, etwas sehr Unheimliches bekam. Es gab eine ganze Menge Robben, die aber von ihren Felsen verschwanden, als wir mit dem Schiff in der Nähe ankerten. Die Nacht über pfiff der Wind und wir wurden immer wieder wach, weil die Ankerkette knirschte und gegen den Bug schlug.

Tag 12: Eriskay

Das Wetter war noch nicht besser; es war fast unmöglich, bei dem Dunkelgrau der Wolken auch nur ein paar Seeschwalben zu fotografieren oder den schönen und einzigen Schwarzhalstaucher weit und breit. Wir näherten uns noch einmal dem inzwischen wieder bevölkerten Robbenfelsen und verließen dann den Loch. Und während wir dort entlangschipperten, tauchten plötzlich, neugierig geworden vom Motorengeräusch, vier Hirsche auf einer Hügelkuppe auf und schauten uns nach. Auf dem weiteren Weg Richtung Süden vorbei an South Uist lockerte die Wolkendecke allmählich auf, und wir kamen in einer Bucht auf Eriskay an, einer kleinen Insel, die mit einem Damm mit South Uist verbunden ist. Alle Briten scheinen irgendwie die Komödie Whisky Galore! zu kennen, dessen Geschichte auf dieser Insel entstanden ist: 1941 lief in der Nähe ein Schiff auf Grund, das 20.000 Flaschen Whisky für den Export in die USA geladen hatte. Die Einwohner bargen die Flaschen, versteckten sie und hielten monatelang die Zollbeamten zum Narren, die verbissen versuchten, an diese Beute zu gelangen. Der Einzige Pub im Dorf heißt wie das gestrandete Schiff, und angeblich wissen sie heute noch, Restbestände des Whiskys aus dieser Ladung aufzutreiben.

Wir hatten Landgang, liefen aber nicht in den Ort wie die anderen, sondern zum weitgehend verlassenen Weststrand und sammelten am Wasser entlang kleine, bunte Muschelstücke. Beim Weiterlaufen um die Felsnase der Insel herum schüttete es heftig; endlich zahlten sich die Regenhosen und -Jacken mal aus. Trotzdem war es ungemütlich, so dass wir in besagtem Pub einkehrten, um etwas Heißes zu trinken, und natürlich auf die vier Brüder unserer Reisegesellschaft zu treffen, die eigentlich immer im Pub bei Bier und Wifi zu finden waren, egal wo wir an Land gingen. Als es draußen aufklarte, liefen wir den gleichen Weg zurück, nicht ohne einem Pulk Sandregenpfeifer und Austernfischer zu begegnen. Am Strand außerdem wieder Raben – ich habe noch nie so viele Raben gesehen wie auf dieser Reise.

Wie jeden Abend wurde der Tag mit einem Dreigängemenü an Bord beschlossen. Ein interessanter Aspekt der Reise waren auch die Essgewohnheiten. Morgens zum Frühstück wurde gefragt, wer Porridge wolle (was immer einige mit Begeisterung bejahten), es gab Obst und Zerealien, frischen Toast, und täglich wechselnd auch Rührei, gebratenen Speck und Würstchen und einmal sogar Black Pudding. Außerdem tendenziell ingwerlastige Marmeladen… pardon, Konfitüren – Marmalade wurde tatsächlich nur die Orangenmarmelade genannt, und das jeweilige Glas war heiß begehrt. Am Vormittag konnte man sich selbst bei Heiß- oder Kaltgetränken bedienen, oft gab es frisch gebackene Scones und Konfitüre dazu. Mittags gab es beispielsweise Quiche oder einen Burger zum Selberbasteln, immer dabei Salat und Kartoffelchips (!), oder eben ein Lunchpaket, wenn wir den Mittag an Land verbrachten. Nachmittags, wenn an Bord, auch wieder Gebäck und Tee/Kaffee, und abends schließlich drei Gänge wie bei uns mit Vor-, Haupt- und Nachspeise. Interessant, dass immer Batterien von Saucen herumstanden und genutzt wurden. Und interessant sogar die Art, mit Messer und Gabel zu essen. Oder schiebt ihr das Essen mit dem Messer auf die Rückseite der Gabel (die man hier ja nur nach oben dreht, wenn man schneidet)? Und der Käsegang nach dem Essen: Es ist schon lustig, wenn man eine kulturelle Eigenart wie die Vorliebe der Engländer für Cracker und Käse aus einem Kinder-Animationsfilm kennt und dann in Wirklichkeit erlebt. Insgesamt machten die gemeinsamen Essen Spaß; wir saßen zwar recht eng auf den Bänken beisammen für eine zusammengewürfelte Reisegemeinschaft, aber die Stimmung war gut und wir verstanden uns.

Abends und nachts hörte man die Seehunde in der kleinen Bucht singen.

Tag 12: nach Mingulay und Barra

Von Eriskay fuhren wir weiter südlich, vorbei an Barra, als das Schiff langsamer wurde. „Shark!“ Draußen zogen Haiflossen neugierig um unser Schiff. Mehrere Minuten lang dachte ich, da wären zwei Haie, ein großer und vielleicht ein junger Hai beim Elternteil, bis ich begriff: Diese beiden Flossen gehören zu ein und demselben Tier. Wahnsinn, was für ein Riese. Und vollkommen friedich; Riesenhaie machen nichts anderes als täglich tausende Kubikmeter Wasser nach Zooplankton zu filtern.

Kurze Zeit später wurden wir wieder langsam. Alles stürzt an Deck: Da hinten, das Schwarze, könnte die Flosse eines… Eimers!? An unserer Gruppe lauter mit Kamera und Fernglas bewaffneter Schiffstouristen dümpelte tatsächlich ein schwarzer Plastikeimer vorbei. Wir lachten uns kaputt, und unser „Bucket Whale“ wurde natürlich fortan zum Running Gag.

Mingulay ist ein Inselchen, auf dem nur zwei, drei Ruinen von lange aufgegebener Bewohnung zeugen. Wobei Rosie, die Lebensgefährtin unseres Skippers, von einer Künstlerin erzählte, die vor einiger Zeit wohl mal ein ganzes Jahr mit einfachen Mitteln verbracht habe. Irgendwo hatte ich gelesen, Mingulay sei eine Art kleines St. Kilda, nur nicht so weit weg, und das traf es ganz gut. Nur ein-zwei Kilometer lang und breit, ging es auch hier mit 273 Metern sehr weit nach oben mit einer der höchsten Felsenklippen Großbritanniens. Die Brutzeit war natürlich auch hier weitgehend vorbei, und als wir in Regenschauern auf den Sattel zwischen den Hügeln hochgestapft waren (Bog Factor 4,5 von 5), waren außer einer Zahl von Großen Skuas keine Vögel zu sehen, aber sie ließen uns in Ruhe. Auf dem Weg nach unten fotografierte ich reflexartig eine ungewöhnliche Silhouette am Himmel, die wir später mit Hilfe eines Bestimmungsbuchs als Merlin identifizierten, was unseren Skipper richtig begeisterte; er habe hier schon ewig keinen mehr gesehen. Leider waren die zwei Stunden Aufenthalt viel zu kurz bemessen; ich wäre gerne noch zur Klippe gelaufen und wir hätten gerne noch am langen, wunderbaren Sandstrand gesessen und wenigstens unser Lunchpaket verzehrt, aber Tim und Craig holten uns schon wieder mit ihrem Schlauchboot ab, und vorbei an Kormoranen und einer großen Gruppe Robben fuhren wir wieder ein Stückchen zurück nach Norden nach Castlebay auf Barra, das überraschenderweise über ein Castle in einer Bucht verfügt. Der Ort war einer der größten, die wir in der vergangenen Woche gesehen hatten, hier gab es sogar ein kleines Krankenhaus und Schulen. Die Möwe und ich liefen aber lieber noch einmal ein paar Meilen zum nächsten Strand, ähnlich wie auf Eriskay, saßen dort wieder fast für uns in der Sonne im Sand und stellten uns vor, es wäre noch etwas wärmer und man könnte schwimmen gehen.

Schottland, Tag 10: Felsen von St. Kilda, Scarp

von St. Kilda nach Scarp
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Tag 10: Felsen von St. Kilda, Scarp

Am nächsten Morgen umkurvten wir mit dem Schiff einmal die Hauptinsel Hirta und die Felsen(inseln) Stac Lee, Stac an Armin und Boreray. Zusammen bilden sie die größte Basstölpelkolonie der Welt; um die 60.000 Vögel brüten hier jedes Jahr. Für andere Arten wie Lummen, Tordalke und Eistturmvögel war es schon etwas spät, aber Basstölpel waren immer noch so viele beisammen, dass einige Felsen weiß schimmerten. Bestimmt anderthalb Stunden fuhren wir langsam daran vorbei, begleitet von ständigem Kreisen und Flügelschlagen der großen, weißen Vögel mit ihren schwarzen Flügelspitzen und gelben Hälsen, und natürlich auch vorbei an anderen Vögeln und ein paar Seehunden, bis wir Kilda schließlich Goodbye sagten und zurück gen Osten fuhren.

Das Meer war glatt wie ein Spiegel, und ich tat das, was ich am Liebsten während der Fahrten tat: Möglichst draußen sitzen und auf das vorbeiziehende Wasser schauen. Zum Einen, weil auch noch dutzende Kilometer von allem Land entfernt alle paar hundert Meter irgendwelche Lummen, Eissturmvögel, Basstölpel oder Papageientaucher auf dem Wasser sitzen, zum Anderen wegen der besonders an diesem Tag wunderbar glatten, abstrakten Farbläufe, die aussahen, als führe man durch Ströme von verschiedenfarbigem Silber.

 

Unterwegs entdeckten wir so viele Walartige wie an keinem anderen Tag mehr, was sicher auch dem glatten Wasser geschuldet war: Rundkopfdelfine, erkennbar an ihrer markant hohen Rückenflosse, einen Zwergwal, der mit seinen 7-10 Metern alles andere als klein ist, und dann noch einmal, ganz nah, Große Tümmler.

Nach 4-5 Stunden Fahrt im Sonnenschein schließlich erreichten wir Scarp, eine Insel vor der Westküste von Harris, die nur wenige Meter voneinander trennen, wozu es die Geschichte eines deutschen, notorisch erfolglosen Erfinders gibt, der versucht hatte, Post mittels kleiner Raketen zwischen ihnen auszutauschen. Tim setzte uns mittels Schlauchboot dort ab, wo außer ein paar Sommerferienhäusern kein Mensch wohnt, und wir verbrachten ein-zwei Stunden in der späten Nachmittagssonne, liefen über den Sandstrand und blickten auf karibisch grünes Wasser und im Hintergrund die kargen Felsberge von Harris in Wolken, anfangs sogar mit Regenbogen.

In dieser Bucht ankerten wir für Dinner und die kommende Nacht. Sicher einer der schönsten Tage des ganzen Urlaubs.

Schottland, Tage 7-9: Oban, Tobermory und St. Kilda

von Oban nach St. Kilda
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Tag 7: Reise nach Oban und Tobermory

Früh um sieben ging es los, bei Regen in zweieinhalb Stunden bis nach Fort William, um das Auto zurückzugeben. Dann mit einem Linienbus nach Oban, einem quirligen Hafenstädtchen, das uns auch mit Regengüssen begrüßte. Wir hatten noch ein paar Stunden bis zur Abfahrt, konnten aber schon mal unser Gepäck aufs Schiff geben und aßen in einem Pub/Restaurant Fish and Chips. Um halb vier ging es dann endgültig an Bord. Mit uns waren noch 9 andere Gäste an Bord sowie unser Skipper, seine Lebensgefährtin, eine Schiffsköchin und ein Maat. Ich hätte mehr Mittvierziger-Outdoor-Menschen vermutet, aber wir waren nicht nur die einzigen Ausländer, sondern auch die jüngsten Passagiere; die anderen eher zwischen 60 und Anfang 70, so ziemlich alle aus dem Süden Englands: Ein Ehepaar, eine allein reisende Frau, zwei allein reisende ältere Herren und vier Brüder – was rührend war; drei von ihnen hatten dem vierten die Reise zum Geburtstag geschenkt, nachdem seine Frau vor ein paar Monaten gestorben war.

Die Hjalmar Bjørge ist ein in den 60ern gebautes, voll hochseetaugliches ehemaliges Schiff der norwegischen Küstenrettung, was modernisiert und für den Passagierbetrieb ausgebaut wurde. Es wirkt mit seinen gut 20 Metern Länge ziemlich klein und die Kabinen unter Deck waren größtenteils wirklich winzig, aber letzten Endes kam man doch erstaunlich schnell und gut zurecht. Es mag am Wasserspargebot gelegen haben, aber die drei WCs, davon zwei kombiniert mit Duschen reichten für die insgesamt 15 Leute an Bord absolut aus. Nur ein einziges Mal fand ich eine Toilette besetzt, und das war ausgerechnet mitten in der Nacht.

Nach ein paar Sicherheits- und Verhaltenshinweisen an Bord ging es los, durch den Sound of Mull bis nach Tobermory. Wir ankerten in der Hafenbucht ohne an Land zu gehen und bekamen unser erstes Dinner: drei Gänge plus Käseplatte/Cracker und Kaffee, so wie an jedem weiteren Abend. Draußen regnete es, das Schiff schaukelte sanft und drehte sich dabei, so dass die Aussicht auf die hübsche Hafenzeile, die Kormorane und die anderen Boote sich dauernd veränderte, ein bisschen wie in einem sich drehenden Fernsehturmrestaurant. Wir gingen auch nicht mehr an Land, sondern verbrachten den Abend und eine wunderbar ruhige, leicht schaukelnde Nacht an Bord.

Tag 8: nach St. Kilda

Tim, unser Skipper, hatte am Abend schon angekündigt, dass die Wetterlage in den nächsten Tagen so günstig sei, dass er so schnell wie möglich Richtung St. Kilda wollte, mit nächtlicher Zwischenstation an den Monach Islands, d.h. er würde schon früh morgens um fünf die Motoren anwerfen. Die kleine Inselgruppe St. Kilda liegt noch einmal gut 60 Kilometer westlich der äußeren Hebriden mitten im Nordatlantik, und eine Passage dorthin wird wegen der häufigen Stürme nicht garantiert, deswegen sollte die Gelegenheit genutzt werden. Das Wetter war grau und windig, und kurz nach Verlassen des Sound of Mull wurde das Schiff in der Hebridischen See ganz schön durchgeschüttelt, so dass ich tatsächlich erst einmal seekrank wurde. Reihern musste ich gottseidank nicht, aber mir war übel und ich bekam kalte Schweißausbrüche, so dass ich mich erst einmal wieder in die Koje zurückzog. Liegen und schlafen gingen erstaunlich gut, so dass ich später am Vormittag einigermaßen wieder fit war und Seekrankheit für den Rest der Reise auch nicht mehr wiederkehren sollte. (Die Möwe hat dagegen noch den Rest des Tages gebraucht.)

Im Sound von Barra plötzlich ertönte der Ruf „Dolphins!“ und alle liefen an Deck. Eine Schule Großer Tümmler hatte unser Schiff entdeckt und sich genähert; offenbar lieben sie es – im Gegensatz zu anderen, eher schüchternen Arten – sich in die Bugwelle zu begeben und ein paar Minuten lang enthusiastisch mitzuschwimmen und zu -springen. Wie großartig.

 

 

Die Fahrt schien ansonsten endlos, zwischendurch gab es auch Mittagessen, und erst irgendwann am Nachmittag erreichten wir vorbei an Süd- und Nord Uist die Monach Islands.

Es sollte eine Wet Landing geben, so standen wir schon alle mit Schwimmweste und hochgekrempelten Hosen bereit, um bald ins Schlauchboot zu steigen. Tim und Craig, der Maat, versuchten daraufhin bestimmt eine Dreiviertelstunde lang, an sieben unterschiedlichen Stellen in der Bucht vor der Insel zu ankern, aber erfolglos; der Anker schlug nur auf Felsen. Offenbar hatte die See im vergangenen Winterhalbjahr allen Sand aus der Bucht geschwemmt. Die Fahrt hatte uns alle geschafft, und eigentlich sollten wir ein wenig auf den flachen Dünen spazieren, die große Kegelrobbenkolonie am Strand besuchen und dann die Nacht in der Bucht verbringen. Sichtlich betrübt teilte uns Tim mit, dass das nun alles hinfällig war, es bliebe die Alternative, gleich bis Kilda durchzufahren.

So ging es – bei inzwischen deutlich stiller gewordener See – noch einmal weitere fünf Stunden gen Westen, bis wir schließlich im Abendlicht St. Kilda erreichten und in der großen Bucht der Hauptinsel Hirta ankern konnten, wo hunderte Papageientaucher und andere Vögel auf dem ruhigen Wasser saßen. Well done!, sagte Tim scherzhaft zu uns, als er vom Ruderhaus runter kam, und tatsächlich waren wir auch als Passagiere froh, die 15 Stunden Fahrt gemeistert zu haben.

Tag 9: St. Kilda

Nach dem Frühstück fuhren wir mit dem Schlauchboot zum Pier, um – ausgerüstet mit Lunchpaketen – den ganzen Tag auf der Insel verbringen zu können. St. Kilda ist gleichzeitig Natur- und Kulturerbe der Unesco und hat eine bewegende Geschichte. Auf Schritt und Tritt ist es nach wie vor kaum vorstellbar, wie auf diesem abgeschiedenen Stückchen Felsen im Atlantik seit dem Altertum dauerhaft Menschen leben konnten, die sich im Wesentlichen von den abertausenden von Seevögeln ernährten. 1930, nachdem Krankheiten und Kindersterblichkeit unerträglich geworden waren und den Bewohnern durch den mittlerweile dauerhaften Kontakt mit Touristen und anderen Menschen die Schwere ihrer Lebensbedingungen vor Augen stand, hatten die letzten Einwohner die Insel verlassen. Heute leben dort nurmehr ein paar Militärangehörige, die eine Radarstation betreiben, und eine Reihe von Freiwilligen, die vor allem im Sommer den Ort in Schuss halten und die Tagestouristen betreuen. Zudem waren gerade ein paar Wissenschaftler_innen auf der Insel, die mit großen Spektiven und Tablets die Soayschafe zählten (hier einen Witz über ständiges Einschlafen einfügen), die eine ganz eigene, sehr robuste Rasse St. Kildas sind und dort tatsächlich wild und ohne „Bewirtschaftung“ durch Menschen leben.

Wir stiegen zu den mehrere hundert Meter ins Meer abfallenden Felskanten, genossen die Sonne, ich provozierte einen Skua-Angriff (die Schmarotzerraubmöwen hatten noch Junge und waren entsprechend biestig drauf, aber wenn man den Angriff rechtzeitig merkt, kann man ihn durch einen hochgehaltenen Stock oder in meinem Fall hochgerissene Kamera + Objektiv abwehren :) und wir warfen einen Blick ins Schul- und Kirchengebäude, das nurmehr Museumscharakter hat. Ein beeindruckender Ort.