17.4. – Karwoche, Moorhof, Kinder in der Stadt

Einigermaßen stolz darauf, die Morgenrunden auch in der vergangenen Woche von Montag bis Freitag durchgezogen zu haben; meistens walkend (nach wie vor ohne Stöcke), immer um die 5 Kilometer in ca. 45 Minuten, wobei ich nach und nach verschiedenen Strecken  ausprobiere. Selbst heute früh im Regen. Praktisch: Die meisten Wege lassen sich gut mit einem Bäckereibesuch kombinieren, so dass ich mit frischen Brötchen zum Frühstück zurückkomme.

Die Spargelernte auf den Feldern hat in der vergangenen Woche losgelegt, und nach dem Rhabarber wollen auch die ersten Reihen Salat bald geerntet werden. Schön, das jetzt von Tag zu Tag verfolgen zu können, und die Passage an den Wassersprengern vorbei liefert auch immer wieder Anlass zu kleinen Sprints.

***

Nach wie vor ist das Schlafzimmerfenster einer meiner Lieblingsplätze, an dem ich jeden Tag eine Weile sitze und auf die Felder und Wiesen schaue, was da so kreucht und fleucht.

***

Ein Jahr bin ich jetzt in der Gemeinde als Lektor aktiv, und es tut gut. Auch, weil die Möwe und ich eine ganze Reihe sehr netter Gemeindemitglieder kennengelernt haben und somit nach fünf Jahren endlich auch persönlich in unserem Viertel wurzeln schlagen, über die Handvoll direkter Nachbarn hinaus.

***

Am Samstag Nachmittag haben wir uns aus dem Vogelbeobachtungsbuch für Süddeutschland (gibt es auch für Nord- und Ostdeutschland) das Moorhof-Weihergebiet ausgesucht, das keine halbe Autostunde entfernt liegt. Ein wunderbar friedliches Tal mit Fischteichen, Schilf und Wiesen, wo alle möglichen Vögel rasten und brüten. Wir haben den Schwerpunkt mehr aufs Spazierengehen als auf Beobachtung gelegt, aber auch so sind uns viele Arten begegnet: Stockenten, Rabenkrähen, Höckerschwäne, Blässhühner und Turmfalken sowieso, aber dann auch Graugänse (jede Menge), eine Kanadagans, Nilgänse, Haubentaucher, Goldammer, Schwarzhalstaucher (zum ersten Mal gesehen, was für ein schönes Tier!), Reiherenten, Silberreiher, Graureiher, Kormorane und Rotmilane. Aus Gründen des Vogelschutzes darf man zwischen März und September die Dämme zwischen den Teichen nicht betreten, aber es kamen auch so acht Kilometer Rundweg zusammen. Es war wolkig und wehte ein ungemütlicher Wind, aber glücklicherweise blieben wir trocken. Hierhin werde ich sicher an einem wärmeren Tag wiederkehren, dann aber mit mehr Zeit und Ruhe, um hoffentlich ein paar der versteckteren und kleineren dort lebenden Arten zu entdecken.

***

Auf Twitter wurde mir heute ein Fotoalbum mit Schwarzweißfotos aus dem Berlin-Kreuzberg der Siebziger Jahre in die Timeline gespült. Faszinierend der Bestand an alten Häusern, die vielen Mauern (neben der einen großen), das wenige Grün, die Geschäfte, die Autos der Zeit. Aber der Unterschied, den ich viel frappierender finde, sind die vielen Kinder auf den Fotos, teilweise im Kindergartenalter, die ohne Begleitung Erwachsener zusammenhocken, die Stadt um sich herum erobern, sichtbar bespielen und bewohnen. Ich selbst kann mich noch daran erinnern, Mitte der Siebziger schon als Fünfjähriger manchmal mit Gleichaltrigen in der Nähe in unserem Viertel in Duisburg unterwegs gewesen zu sein, ohne Eltern, und auf der Straße, auf Brachflächen oder rund um einen der vielen noch stehenden, zugemauerten Kriegsbunker gespielt zu haben. Dieser Anblick von Kindern ohne Begleitung mit ihren Bällen und Rädern, auf Baustellen und mit allem, was irgendwo herumsteht, spielend, ist nach meinem Eindruck inzwischen aus unseren Städten verschwunden, und zwar von Kindern aller Altersklassen.

Ich bin bei diesem Thema hin- und hergerissen. Einerseits waren die 70er in punkto Unfälle, Gewalt und sexuellen Missbrauch durch Fremde für Kinder sicher gefährlicher als heute, woran der Rückzug aus dem öffentlichen Raum seinen Anteil hat. Andererseits kann ich nicht anders als in dieser Veränderung auch einen Verlust zu sehen: an kindlicher Freiheit generell, am Sichzurechtfinden und Selbstbehauptung in der Welt draußen, an der Eroberung der Städte als Lebensraum, an Bewegung und motorischem Geschick, am frühen Lernen sozialer Fähigkeiten im Umgang mit Kindern verschiedener Elternhäuser.

Schon ein halbes Jahrhundert zuvor hatte Janusz Korczak unter anderem provokant das Recht des Kindes auf den eigenen Tod formuliert und ausgeführt: „… aus Furcht, der Tod koennte uns das Kind entreissen, entziehen wir es dem Leben; um seinen Tod zu verhindern, lassen wir es nicht richtig leben.“ Wie weit ist das vom Zustand der 70er Jahre entfernt, die uns aus heutiger Sicht verantwortungslos im Umgang mit der Sicherheit von Kindern erscheinen? Wieviel weiter noch gehen heute inzwischen Gesellschaften wie die USA, wo Eltern, die ihre Grundschulkinder auch nur alleine nach Hause gehen oder radeln lassen wollen, mit Aufgreifen durch die Polizei und Verfahren wegen Vernachlässigung rechnen müssen? (Gänzlich undenkbar natürlich, dass man heute als Erwachsener auch noch mit einer Kamera herumläuft und fremde Kinder fotografiert.) Ich sehe nicht, wie wir diese Schraube zurückdrehen können, in der sich alles gegenseitig verstärkt: die Angst von Eltern, dass ihren Kindern etwas zustoßen könnte (grundsätzlich verständlich), soziale Abgrenzung (Kinder ohne Begleitung gelten schnell als Zeichen von Armut und/oder Verwahrlosung) und Schuldumkehr (Schuld, wenn Kindern etwas zustößt, sind in der Wahrnehmung letzlich immer die Eltern, egal wie raumeinnehmend und gefährlich Straßenverkehr ist, wie kinderfeindlich ein Ort, wie kriminell ein Erwachsener sein kann). Zumal heutige Eltern selbst schon kaum mehr die Erfahrung mitbringen, wie es ist, als Kinder den öffentlichen Raum unbeobachtet durchstreifen zu dürfen. Ich finde das tragisch.

4 Gedanken zu „17.4. – Karwoche, Moorhof, Kinder in der Stadt

  1. Pamela

    Das „Recht des Kindes auf den eigenen Tod“ geht mir seit gestern im Kopf umher. Ich kann Ihre Wehmut über den Verlust der unbeobachteten Zeit nachvollziehen, teile sie auch in gewisser Weise, aber ich denke, dass wir noch nicht wissen, was aus unseren so behütet aufgewachsenen Kindern werden wird, und meine, dass es auch eine gesellschaftlich gute Entscheidung gewesen sein kann, so zu erziehen.
    Und das Zitat ärgert mich, sehr, weil es so falsch zugespitzt ist: Ein Kind „hat“ keinen Tod in dem Sinn dass es sich reflektiert oder überhaupt nur weiß, was mit ihm passiert. Es verreckt unter Autoreifen, im Pool, beim Sturz aus dem Fenster, und im schlimmsten Fall muss es das in genau der existenziellen Einsamkeit erleben, die immer die Schattenseite der unbeobachteten Streunerei war. Ein „Recht“ auf dieses Verrecken scheint mir sehr mit dem Blick auf das Publikum und nicht mit dem Blick auf das Kind postuliert worden zu sein.

    Antworten
  2. PaulineM

    Ich denke, wenn Korczak das „Recht des Kindes auf den eigenen Tod“ fordert, dann meint er in erster Linie, dass Kinder das Recht haben ihre eigenen Erfahrungen zu machen und dass es sein kann, dass wir nicht alle Unfälle oder Missgeschicke von ihnen abwenden können/sollen, weil wir sie dann in ihrem eigenen Leben extrem einschränken. Mit der These „Recht des Kindes auf den eigenen Tod“ hat er dieses Gewähren-lassen konsequent bis zu Ende gedacht, was für uns schwer zu ertragen ist.

    Andererseits greifen Eltern heute viel zu häufig ein und erlauben ihren Kindern keine eigenen Entscheidungen und Erfahrungen mehr, weil es vielleicht gefährlich werden könnte. Dann dürfen kleine Kinder kein Messer benutzen, wenn sie beim Kochen helfen (du könntest dich schneiden), sie dürfen nicht lernen, wie man Streichhölzer benutzt, dürfen nicht allein eine Straße überqueren usw.

    Ich bin als Kind der 50er Jahre eher wild und unbeaufsichtigt aufgewachsen (ab 4 allein zum Kindergarten gegangen, ab Weihnachten in der ersten Klasse allein zur Schule, nachmittags weit weg am Bahngelände und an Tümpeln gespielt usw.). Ich habe sehr darum gekämpft, dass meine Tochter als Kind der späten 80er Jahre solche Freiheiten auch noch bekommt.

    Natürlich hat sich vieles heute durch den dichteren Straßenverkehr sehr verändert und ich würde Kinder auch nicht mehr wahllos allein los laufen lassen. Aber man kann gemeinsam Dinge üben und ihnen dann auch mal zutrauen, dass sie wissen, wie es geht. Andererseits sehe ich heute, wie gelassen schon kleinste Kinder mit ihren Laufrädern oder Fahrrädern am Straßenverkehr teilnehmen und denke, dass viele Eltern es doch ganz richtig machen.

    Antworten
  3. Stefan

    Es ist bemerkenswert, dass man in dieser Diskussion sofort beim Straßenverkehr ist. Das scheint mir das einzige zu sein, was sich geändert hat — mit den beschriebenen Folgen. Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem es fast keine Autos gab und die paar, die es gab, waren aus Pappe und konnten nicht schnell fahren, erst recht nicht auf den kaputten Straßen. Das machte vieles einfacher, zumal es auch noch einen nennenswerten öffentlichen Nahverkehr auch in ländlichen Gegenden gab.

    Es ist unglaublich, wie wir mit diesem Autoverkehr die Städte lebensfeindlich machen, nicht nur für Kinder.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.