Früher war alles besser, nicht wahr

Die Gesellschaft entsolidarisiert sich immer mehr, die Empathie nimmt ab und die Menschen verrohen. Früher gab es nicht so viel Gewalt und Gleichgültigkeit. In so vielen Diskussionen, ob in den Medien oder mit Verwandten, Kollegen oder Nachbarn kommt diese Wahrnehmung offen oder implizit zum Ausdruck.

Und ich frage mich immer: Welches Früher meinen die? Wann war diese goldene Zeit, in der man sich umeinander gekümmert und Rücksicht genommen hat? In welches Früher wünschen sich die Leute zurück?

Das Früher, als man gemeinhin fand, Vergewaltigung in der Ehe könne es per Definition nicht geben?
Das Früher, als so manche meinten, Kinder wollten den Sex mit Erwachsenen doch auch?
Das Früher, als man Kinder selbstverständlich verprügeln durfte?
Das Früher, als es als Straftat galt, gleichgeschlechtlich zu lieben, und viele damit erpresst wurden?
Das Früher, als schwierige oder von Eltern verlassene Jugendliche weggesperrt, misshandelt, ihre Persönlichkeit gebrochen & ihre Arbeitskraft ausgebeutet wurde?
Das Früher, als deutschen Gewerkschaften die Arbeitsbedingungen der Gastarbeiter komplett am Arsch vorbei gingen?
Das Früher, als höchste Richter der Bundesrepublik ganzen Volksgruppen einen Hang zur Kriminalität zuschrieben?
Das Früher, als Behinderte zu Tausenden weggeschlossen, zwangssterilisiert oder ermordet wurden?
Das Früher, als man seinen Nachbarn denunzierte, ihn in den Tod schickte und sich sein Hab und Gut unter den Nagel riss?

Ja, es gibt noch so viel zu tun, es gibt Unrecht und Gleichgültigkeit und reaktionären Backlash und rohe Gewalt. Aber es wird besser. Langsam vielleicht und mit Rückschlägen, aber besser.

Was schön war (18.10.2016)

Es tut gut, nach Jahren überhaupt mal wieder auf Fortbildung zu sein (die ersten 2 von insgesamt 12 Tagen bis zum nächsten Sommer) und das auf einem sehr hübschen Schloss oberhalb der Donau mit guter Küche. Dieser Kurs soll Nicht-Medizinern wie mir im Schnelldurchlauf Grundlagen der Anatomie, Physiologie und klinischen Disziplinen vermitteln. Reste aus Schulwissen und viele Details aus meiner Arbeit fügen sich gerade mit für mich neuen Erkenntnissen zu einem neuen Gesamtbild.

Wie verschiedene Regelkreise den Blutdruck beeinflussen, um ihn an den momentanen Bedarf anzupassen. Wie (meist durchaus unappetitlich anzusehende) Bindegewebe, Knorpel etc. perfekte Stütze, Schutz und Beweglichkeit ermöglichen. Wie sich die Natur physikalische Prinzipien im Körper zunutze macht, ob es z. B. um mechanische Kräfte oder Elektrizität geht. Wie aus Stammzellen alle möglichen Arten hochspezialisierter Zellen entstehen. Wie die Erbinformation in den Zellen symbolisch wie eine Folge kleiner Computerprogramme zur Bildung von Proteinen funktioniert, und ich unweigerlich an die Turingmaschine denken muss, diesen in den 30ern erfundenen hypothetischen Computer, wie er seine Codebänder entlangläuft – ganz wie die Ribosomen an der mRNA. Mit welchen Strategien der Körper versucht, mit Verletzungen wie z. B. Knochenbrüchen zurechtzukommen. Und so weiter.

Die Rede vom Wunderwerk des menschlichen Körpers geht einem ja leicht über die Lippen. Aber heute habe ich echte Ehrfurcht verspürt, auf welche unglaublich komplexe und wunderbare Weise unsere Existenz überhaupt erst möglich ist.

Turin

Eine knappe Woche in Turin verbracht, einen besten Freund besucht und in der kleinen Wohnung eines weiteren Freunds gewohnt der seit zweieinhalb Jahren auf Weltreise ist.

Turin ist meine italienische Lieblingsstadt. Nicht süß oder lieblich, kein Dolcevita, kein Meer in der Nähe,, nur die Westalpen sind rundherum zu sehen, wenn die Po-Ebene mal nicht vom Nebel heimgesucht wird. Die Stadt ist sachlicher, kühler, von einer eher zurückhaltenden Eleganz als viele andere in Italien. Würde man deutsche Städte darauf münzen, Turin wäre vielleicht ein bisschen wie Hamburg.

Die großen Zeiten der Autoindustrie, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, sind vorüber, mehrere hunderttausend Menschen weniger wohnen jetzt hier als in den 60er-/70ern, als viele „Gastarbeiter“ aus dem Süden Italiens hierher zogen um bei Fiat und Lancia zu arbeiten und ganze Stadtviertel wie Mirafiori bevölkerten. Doch irgendwie hat man es geschafft, sich mit Kreativität (und jeder Menge Investitionen) zu wandeln. Heute vibriert die Stadt vor kulturellen Aktivitäten und auch wirtschaftlich hält sie sich trotz genereller Krise in Italien tapfer. Was zum Beispiel hervorsticht sind die vielen EInzelhandelsgeschäfte und kleinen Dienstleister im Zentrum, die sich offenbar immer noch halten. Auch wenn in Turin die Einkaufszentren mit ihren globalisierten Markenshops genauso gewachsen sind, wie zum Beispiel im Lingotto, dem legendären ehemaligen Fiat-Gebäudekomplex mit seiner Teststrecke auf dem Dach – im Zentrum ist außer ein paar Standard-Luxusmarken in der von faschistischem Marmorprotz geprägten Via Roma nur wenig Einheitsbrei zu finden.

DIe vielen Palazzi aus dem 17.-19. Jahrhundert wurden zu großen Teilen renoviert, der Zentrumskern rund um Piazza Castello und Via Roma erfolgreich vom Autoverkehr befreit, und das ehemals heruntergekommene Altstadtviertel Quadrilatero Romano ist heute voller Restaurants und Bars. Die Zahl der Museen (und ihrer Öffnungstage) wächst, und in der Stadt nimmt man immer noch mit einem Rest Erstaunen zur Kenntnis, dass tatsächlich immer mehr Touristen kommen, um sie zu sehen. Die olympischen WInterspiele 2006 haben zwar ein großes Loch in die Stadtkasse gerissen, aber sie scheinen wohl den Wandel im Selbstverständnis und die generelle Zuversicht beflügelt zu haben.

EIne Woche mit 20-25 Grad nachmittags, einem wunderbaren Herbstlicht, das die endlosen Arkadengänge in der Innenstadt erleuchtet, einer Sicht von der Superga (einer barocken Basilika auf den Hügeln oberhalb Turins) bis zum Alpenrand ringsum, und jeden Abend leckeres Essen mit meinem Freund und anderen Freunden, die ich zum Teil aus meiner Zeit als sommerliches Mitglied des Chors noch kenne und mag. (Ich habe Ende der 80er-, Anfang der 90er mehrere Tourneen mit ihnen gesungen. Daher überhaupt meine Verbindung zu Turin.) Nur wenige offizielle Touristenattraktionen besucht wie z. B. das Kinomuseum in der Mole Antonelliana, dem seltsam geformten Turm und Wahrzeichen der Stadt, oder per glücklichem Zufall eine abendliche Führung im sehenswerten Automobilmuseum mitgemacht, ansonsten viel mehr herumgelaufen undtreiben gelassen. Die vielen hervorragenden Lebensmittel genossen, z. B. die Tagliatelle aus dem winzigen Pastificio um die Ecke, nur mit Butter und Parmesan, oder frische brioche alla crema zum Frühstück. Zwischendurch ein Tagesausflug nach Saluzzo und zur Sacra di San Michele, einem atemberaubend hoch über der Ebene gelegenen Kloster, wohin sich außer uns nur wenige Touristen verirrt haben.

Unter einem schlechten Stern stand nur die Absicht, ein wenig durch die Stoffgeschäfte zu stöbern. Entweder sie hatten Mittagspause (von 12 bis 15 Uhr), oder hatten nur Einrichtungsstoffe, oder waren ganz auf Service ausgerichtet (man muss genau wissen, was man will, und wird dann entsprechend beraten – kein Stöbern in den Stoffregalen, um sich inspirieren zu lassen), oder waren einfach nur sauteuer. Wobei unter den letzteren ein sehr bemerkenswertes Geschäft war, dessen Interieur wie auch die meisten Bedienungen im Gothic-Stil eingerichtet bzw. gekleidet und geschminkt war. Sie hatten aber auch ganz normale Stoffe für Anzüge, Hemden usw. Sehr speziell.

Zum Schluss verbrachten wir einen Tag in Mailand. Airfrance hatte den Rückflug von Turin über Paris um fünf Stunden vorgezogen (was 8h Aufenthalt in Roissy bedeutet hätte, brrr). Nachdem ich auf Twitter darüber gemotzt hatte, meldete sich unerwartet die Airline und bot mir nach einigen Direktnachrichten auch an, ich könne über Mailand Linate zurückfliegen. Da ich noch nie wirklich in Mailand war, sagte ich zu. Aber naja. Der Dom sieht mit seinem weiß leuchtendem Stein wirklich toll aus. Das VIertel Navigli scheint eine gute Adresse zu sein, um abends auszugehen (wir waren zu früh). Das 24h-Ticket für den ÖPNV ist mit 4,50 € unfassbar billig für ein hervorragendes Angebot. Und das Hotel ein wenig außerhalb war einwandfrei. Aber davon abgesehen waren wir eher enttäuscht. Wenn man nicht gerade zu denen gehört, die Städtereisen machen um zu shoppen, ist das Zentrum eher öde. Am Freitagnachmittag, als wir ankamen, war es sogar buchstäblich zum Davonlaufen, so voller einkaufender Menschenmassen war es. Und am Samstagmorgen steuerten wir in einem etwas weiter weg gelegenen Viertel gezielt einen offenbar sehr preiswerten Stoffhändler mit riesigem Angebot an, nur um festzustellen, dass er samstags geschlossen hat.

Aber egal. Die Woche war schön und ein letzter Spätsommerstreif. Jetzt kann die kalte Jahreszeit kommen.

#catember

Die gute Kiki hatte, gewissermaßen als Fortführung ihres Republica-Workshops „bingecreating“ den Catember ausgerufen – einen Monat lang möglichst täglich etwas mit Katze(n) zeichnen oder malen, um die innere Stimme „Ich kann sowieso nicht zeichnen!“ durch regelmäßige Übung eines besseren zu belehren. Anfangs wusste ich nicht, ob ich das überhaupt durchhalten würde, aber schließlich sind es 18 Zeichnungen geworden.

Und was hat es gebracht? Nun, ich finde immer noch, dass meine Zeichnungen ungelenk und kritzelig sind, insbesondere kämpfe ich nach wie vor mit der Perspektive, und auch mit den Gesichtsausdrucken der Katzen. Ich kann auch keinen besonderen Fortschritt in meiner Technik entdecken – außer, dass ich mittlerweile vermutlich eine einigermaßen überzeugende Katze auch ohne Vorlage zeichnen könnte.

Aber. Es hat zuallererst einmal Spaß gemacht, ich habe mich richtig darauf gefreut, mir wieder ein Motiv auszudenken und hinzuzeichnen. (Von den vielen schönen bis lustigen Bildern der anderen Teilnehmer ganz zu schweigen.) Ohne die Challenge wäre ich wohl nie darauf gekommen, soetwas zu tun. Und dann hatte die Übung doch auch ihren Zweck: Ich glaube, auch anhand der Reaktionen auf Twitter und Instagram, dass einige Zeichnungen trotz ihrer Einfachheit genau die Stimmung oder Situation transportieren konnten, die ich darstellen wollte. (Okay, meine Liebe zu Katzen hat sicher geholfen. Das alles war ja auch eine Katzenvermissungstherapie für mich.)

Und das ist das, was ich mitnehme: Zeichnen als Vehikel, um etwas rüberzubringen, ist plötzlich eine Alternative zu Foto und Text geworden. Cool.

Meine eigenen Lieblinge: